Was wenn....

October 9, 2016

Was, wenn ich nicht über das Wetter reden will?

 

Was, wenn ich stattdessen über die Zweifel sprechen will, die auf Zehenspitzen deinen Rücken emporklettern, sich zwischen deinen Wirbeln einnisten und deine Wirbelsäule aufweichen? Was, wenn ich dich fragen will, was dich nachts wach hält, wenn der Rest der Welt schlafen gegangen ist, und nach diesem immer wiederkehrenden Traum und was du glaubst, was er bedeutet? Was, wenn ich etwas über die rosa Narbe an deinem Kinn wissen will und woher du sie hast und warum du versuchst, sie mit deinem Schal zu verstecken?

Was, wenn es mich nicht kümmert, was im Fernsehen oder im Finale deiner Lieblingsserie passiert?

 

Was, wenn ich mich stattdessen für den heimlichen Song interessiere, der in deiner Lunge lebt, den niemand hört, außer dir? Was, wenn ich dich bitte, ihn zu mir zu atmen und dir verspreche, zuzuhören und das auch wirklich mache? Was, wenn ich neugierig bin, wann du das letzte Mal verloren, das letzte Mal getrauert hast und ob es etwas in dieser Welt gibt, für das du sterben würdest? Was, wenn ich mich für den Augenblick deines größten Stolzes interessiere, dein tiefstes Bedauern, das Gesicht, von dem du dachtest, du würdest es immer erinnern, das du aber jetzt vergessen hast?

 

Was, wenn ich nicht in einer lauten Kneipe sitzen und Bier saufen will, bis die Nacht zu einem verschwommenen Nebel wird?

Was, wenn ich stattdessen mit dir in einem Park sitzen will, in der Dunkelheit, während wir kleine Bissen des Mondes schlucken und Erinnerungen an unsere Mütter teilen? Was, wenn ich deine Hand in meine nehme und die Knochen berühren will, die dort wohnen, die knotigen Gelenke, die rauen Stellen, die Falten am Handgelenk? Was, wenn ich meine Finger an deinem Arm auf und ab laufen lasse, dem Weg deiner Venen nachspüre, den Blutstrom ehre, der dich am Leben hält? Was, wenn ich - eine ganze Minute, eine ganze Stunde lang - in deine Augen schauen will ohne zu blinzeln, um zum wahrhaftigsten Teil von dir zu reisen, diesen Ort, der nicht sterben kann?

Was, wenn ich dein Brustbein aufbrechen, einen Blick in dein zerrissenes Herz werfen und dir sagen will, dass es vielleicht zerrissen ist, aber dass es dein schönstes Organ ist und dass dort ein blutroter Garten wächst?

 

 

Was, wenn ich nicht auf Facebook chatten und deine Foto-Alben durchblättern will?

Was, wenn ich stattdessen deine kaputten Anteile und Makel sehen will? Was, wenn ich all die Schichten abstreifen und mich mit dir hinstellen will, Haut und Seelen entblößt, das Knochige hervorstehend, die hässlichen Stellen enthüllt? Was, wenn ich meinen Kopf auf deinen Bauch legen und hören will, wie deine Leber Zwiesprache mit deiner Milz hält und ich das Gurgeln deines Darms und die Ahnungen deines Instinkts spüre? Was, wenn ich dir die Frage stelle, die du am meisten fürchtest und wenn ich schwöre, dass ich nicht weglaufen werde, wenn ich deine ehrliche Antwort höre? Was, wenn ich nicht weglaufe?

 

Was, wenn ich an dieser ganzen Künstlichkeit ersticke und das Gefühl habe, dass wir etwas verpassen, weil wir mit den Fragen hinter den Fragen gerade mal an der Oberfläche kratzen, das Furnier aber dick ist und wir kaum einen Eindruck hinterlassen? Was, wenn wir alle hier sind, auf diesem perfekten Planeten zu dieser Zeit, zusammen, weil wir Schätze füreinander sind, die es zu entdecken und wiederentdecken gilt, aber was, wenn wir von unseren Twitter-Feeds zu abgelenkt sind, um das wahrzunehmen?

 

Was, wenn es mir vollkommen egal ist, wo du studiert hast oder welchen Job du hast oder wie viel Geld du verdienst?

 

Was, wenn es mir stattdessen nicht vollkommen egal ist, wann dir die Liebe begegnet ist und wie es war, als sich deine Zellen verschoben haben, um Platz für dieses neue Gefühl zu machen, das eher eine Kraft als ein Gefühl war? Was, wenn mir das Tattoo auf deinem Oberschenkel nicht vollkommen egal ist und warum du es hast und wann du es bekommen hast, und ob es dir wehgetan hat und ob du es liebst? Was, wenn es mir nicht vollkommen egal ist, was dich antörnt, was dich abtörnt, wie du gerne berührt werden möchtest und wie du betest? Was, wenn es mir nicht vollkommen egal ist, was dich in Erstaunen versetzt, was dich erfüllt, was dich zu Tränen rührt, was dich bewegt dich zu bewegen, was dich staunen lässt, was dich zum Leuchten bringt und dich langsam gehen und nach oben schauen und die Sterne sehen und die Sterne in dir fühlen lässt?


Was, wenn Du mir nicht vollkommen egal bist, bemerkenswertes, zerbrechliches, gefährliches Du?

 

Aber was, wenn ich nicht über das Wetter reden will? Was dann?

Denkst du, wir könnten Freunde sein?

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​© 2016 Spürbar-Ich, Heike Eichhorn